Kunsttherapie mit Kindern

 

„Meine Seele kann die Treppe zum Himmel nicht finden, es sei denn, sie führte durch die Schönheit der Erde.“

Michelangelo

 

Kreativ zu sein ist ein ureigenes Bedürfnis des Menschen. Ohne kreativ zu sein würden wir uns nicht weiter entwickeln, denn Entwicklung bedeutet ja gerade, aufgrund gemachter Erfahrungen neue Schritte zu gehen und auf neue Herausforderungen zu antworten.

 

Jedes Kind ist kreativ im Spiel, in der Bewegung, im Ausprobieren seiner Kräfte und Fähigkeiten, und die Erfahrung, etwas auszuprobieren und damit Erfolg zu haben gehört zu unseren frühesten Formen der Befriedigung.

 

Dieses „Glück des Gelingens“ (Hans Georg Gadamer) kann jeder beobachten, der kleinen Kindern beim Spielen zusieht. Und mit der Zeit überträgt sich diese Lust an der Kreativität schließlich auch auf den Bereich der Gestaltung und damit auf das, was wir als Erwachsene gemeinhin unter kreativem Tätigsein verstehen. Jedes Kind entdeckt irgendwann voller Faszination, dass ein Stift Spuren auf dem Papier hinterlässt, dass man aus Klötzen Türme bauen und aus Knete Figuren formen kann – die Lust am bewussten Gestalten wird geboren.

 

Wenn wir allerdings älter werden, so differenziert sich das Schicksal dieser befriedigenden Entdeckung je nachdem, welche Förderung wir erfahren – oder welche Hindernisse uns in den Weg gelegt werden.

 

Für viele Eltern ist es schwer, ihre Kinder in diesem Bereich nicht zu entmutigen, weil ihr Blick auf die „Werke“ ihrer Kinder zu distanziert und zu sehr an erwachsenen Maßstäben orientiert ist. Oftmals ganz ohne böse Absicht wird die kreative Leistung der Kinder gering geschätzt oder gar belächelt, und anstatt ihre kreative Kraft zu stärken, werden die Kinder dazu angehalten, Vorgefertigtes zu basteln, aus- oder nachzumalen usw. Bei vielen erlischt das Interesse an kreativem Gestalten dann sehr rasch im Dschungel der vorgegebenen Formen.

Es ist müßig, hier auch noch auszuführen, dass Kindergarten und Schule ihr Übriges dazu tun, durch die enge Aufgabenstellung (und anschließende Benotung!) die befriedigende Erfahrung der ureigenen Kreativität zu verschütten.

 

Auf die meisten Kinder trifft zu, dass sie viel zu selten den Raum und die Erlaubnis bekommen, ihre kreativen Kräfte auszuprobieren, und dass es für die meisten ein befreiendes und stärkendes Erlebnis ist, die Gelegenheit dazu zu bekommen.

Die eigene Kreativität (wieder) zu entdecken nährt die Seele und gibt ein Selbstvertrauen, das sich ganz von selbst auch auf andere Lebensbereiche überträgt.

 

Diesen heilsamen Aspekt der kreativen Arbeit kann man nun sehr gut für Kinder nutzen, die – aus verschiedensten Gründen – den Boden unter den Füßen verloren haben oder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden.

Was für jedes Kind gilt, gilt umso mehr für Kinderseelen in Not: die „Sprachlosigkeit“ der kreativen Gestaltung kommt Kindern entgegen, da sie aufgrund ihres Alters Schwierigkeiten damit haben, ihre Nöte zu verbalisieren, und das Erlebnis der eigenen kreativen Kraft wirkt wie ein Gegengift gegen die Erfahrung von Ohnmacht.

Es mag nicht logisch erscheinen, dass Malen, das Herstellen einer Collage oder textiles Gestalten dabei helfen, mit traumatischen Erlebnissen wie Unfällen, Krankheit oder dem Verlust eines Elternteils fertig zu werden, aber die Erfahrung zeigt, dass kreative Arbeit gerade in solchen Situationen sehr stabilisierend wirken kann. Das intensive Eintauchen in den Prozess kann eine Pause von quälenden Gedanken gewähren, und die Begegnung mit dem Gestaltungspotential reaktiviert das Gefühl für die eigene Kompetenz.

Um aber über das Erlebnis eines kleinen „Bastel-Highlights“ hinaus zu gehen und dem Kind zu ermöglichen, seine kreativen Kräfte langfristig zu entfalten, ist es wichtig, von vornherein geeignete Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, die ich im Folgenden näher ausführen möchte.

 

 

I Der Raum

 

„Eigentlich beginnt alles mit einem Ort: ein kleiner Raum von eigener Atmosphäre, in dem sich eine Aktivität abspielt, unter der sich die Leute `draußen` nichts vorstellen können. Eine Aktivität, die einem Ritus gleicht.“

Arno Stern 

 

Mit diesen Worten beschreibt Arno Stern seinen „Malraum“, in dem er den Kindern freies Malen ermöglicht, und auch wenn er in seiner Arbeit mit Waisen nach dem 2.Weltkrieg einen ganz eigenen Ansatz entwickelt hat, so bringt diese Beschreibung meiner Ansicht nach etwas zum Ausdruck, was jedem tieferen Eintauchen in die eigene Kreativität innewohnt: man betritt einen „anderen Raum“, in dem ein Dialog zwischen dem Material und den eigenen kreativen Kräften stattfindet, im Arbeitsprozess entwickeln sich Ideen und Gestaltungsmöglichkeiten, die einem vorher nicht eingefallen wären, und dadurch wird die beglückende Erfahrung möglich, dass mir im Eintauchen in den kreativen Prozess etwas entgegenkommt, was mich den „roten Faden“ meiner Gestaltung immer weiter spinnen lässt: auf meine Idee folgt der Versuch der Umsetzung, daraus resultiert die Erfahrung mit dem Material, die mich zu neuen Experimenten und Gestaltungsmöglichkeiten führt, aus denen neue Ideen erwachsen usw.

 

Es versteht sich von selbst, dass dafür ein geschützter Raum besonders geeignet ist, der durch seine Atmosphäre ein wenig von äußeren Ablenkungen abschirmt und darüber hinaus durch seine Ausstattung zur Kreativität einlädt.

Natürlich ist es prinzipiell überall und auch unter eingeschränktesten Bedingungen möglich, kreative Prozesse anzustoßen, aber im Hinblick auf Kinder, die sich gerade in einem labilen seelischen Zustand befinden, lohnt es sich durchaus, auf die Atmosphäre des Raumes einige Sorgfalt zu verwenden.

 

 

II Das Material

 

„Neulich waren wir bei Tante Berg, und es war so schön. Sie hat einen Schreibtisch mit einer Klappe, und der hat lauter kleine Schubfächer, in denen hübsche Sachen liegen. `Liebe Tante Berg, dürfen wir uns alle die hübschen Sachen ansehen?` fragte Jonas. Und das durften wir.“                                                   

Astrid Lindgren in: Die Kinder aus der Krachmacherstraße

 

Ebenso wie der Raum von sich aus eine bestimmte Atmosphäre vermittelt, die sich auf die Arbeit mit den Kindern auswirkt, so spielt auch das Material und die Art, wie ich es anbiete, eine große Rolle.

Wichtig ist hier natürlich, bei der Auswahl des Materials darauf zu achten, dass es von sich aus nicht zu viel vorgibt und die Kinder möglichst frei sind in der Art der Verwendung.

 

Doch auch die Art meiner Präsentation ist von Bedeutung, da sie meine eigene Wertschätzung dem Material gegenüber zum Ausdruck bringt.

Es kommt hier nicht darauf an, dass es sich um besonders wertvolles oder kostspieliges Material handelt, sondern eher darauf, wie sorgsam ich damit umgehe.

Ein großes Deckelglas voller Korken oder eine Blechdose mit farblich sortierten Wollresten kann da durchaus anregender sein, als eine lieblos zusammengewürfelte Kramkiste, in der sich unter anderem teure Malstifte befinden.

Es geht darum, dass ich schon durch die Präsentation des Materials die Botschaft vermittle, dass ich diese Dinge zu schätzen weiß und in ihnen das Potenzial sehe, das sie unter dem Einfluss der gestaltenden Kraft entfalten können. Und es gibt kaum ein Kind, das beim Öffnen solcher „Material-Schatz-Kisten“ keinerlei Anreiz verspürt, damit zu arbeiten.

 

 

III Die Zeit

 

„Jeder Grashalm hat seinen Engel, der sich über ihn beugt und ihm zuflüstert: wachse, wachse“

Talmud

 

Kreativität braucht Zeit. Der Raum, das Material und eine fachkundige Begleitung können darin unterstützen, sich auf den kreativen Prozess einzulassen, aber dennoch ist und bleibt er etwas, was nicht auf Knopfdruck geschieht.

Gerade für Kinder, die belastet sind, kann es sehr wichtig sein, erst Mal eine Weile „aufzutanken“, einfach da sein zu dürfen, ohne gleich wieder aktiv zu werden. Und diesem Auftanken sollte genug Raum gegeben werden.

Vielleicht muss das Kind sich erst Mal etwas von der Seele reden, was es gerade beschäftigt, vielleicht braucht es erst Mal ein bisschen Ruhe und eine Tasse Kakao, vielleicht ist es aber auch wichtig, eine Weile im Material zu „baden“, herum zu stöbern, diese und jene Idee zu entwickeln und wieder zu verwerfen.

Es ist eine Frage der Einschätzung der jeweiligen Situation, ob ein Kind gerade Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren und Hilfe braucht, um in einen Arbeitsprozess zu finden, oder ob es gerade Raum und Ruhe braucht, um seine Kräfte zu regenerieren und wieder zu sammeln: Zeit und Platz sollte für beides sein.

So ist es wichtig, nicht jedes Mal auf die Fertigstellung eines „Produktes“ zu drängen, sondern den inneren Rhythmus der Kinder zu beachten. Erfahrungsgemäß ist eine regelmäßige Zeiteinheit von eineinhalb Stunden hierfür ein guter Rahmen.

Entscheidend ist außerdem der zeitliche Horizont, in dem das ganze stattfindet. Möchte man dem Kind ermöglichen, dass es seine kreativen Kräfte erfährt und zu gebrauchen lernt, so ist es sinnvoll – je nach Ausgangssituation des Kindes – mindestens einen Zeitraum von mehreren Monaten anzusetzen. Weiß das Kind von vorn herein, dass nur wenige Zeiteinheiten geplant sind, so ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein tiefer gehender kreativer Prozess in Gang gesetzt werden kann.

 

 

 

IV Die Begleitung

 

„Wir müssen akzeptieren, dass dieser kreative Herzschlag in uns Gottes eigener Herzschlag ist“

Joseph Chilton Pearce

 

Was für die Ausstattung des Arbeitsraumes und die Präsentation des Materials gilt, gilt natürlich ebenso für die Art meiner Begleitung der Kinder: meine innere Einstellung teilt sich darin mit, wie ich ihnen begegne und welche Erwartungen ich an sie habe.

Ich betrachte mich in diesem Zusammenhang sozusagen als Hebamme des kreativen Prozesses. Ich weiß zwar einiges darüber, welche Bedingungen günstig sind und was man tun kann, wenn der Prozess nicht in Gang oder ins Stocken kommt – aber letztendlich ist es das Kind, das die Entscheidung trifft, sich auf den Weg zu machen und gemeinsam mit ihm bin ich gespannt darauf, welches „Baby“ dabei herauskommen wird.

Jeder Mensch hat einen eigenen Zugang zur Kreativität, einen eigenen Geschmack, bestimmte Vorlieben, Fähigkeiten usw.

Was ich versuche, ist, dem Kind die Neugier auf sich selbst und die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln, dazu Geduld mit den Unwägbarkeiten des Prozesses und die Freude am eigenen Erfolg.

Wenn ich zum ersten Mal das Aufleuchten in den Augen eines Kindes sehe, wenn es begreift, dass es wirklich ganz frei ist, sich etwas auszudenken, und dass ich dann alles tun werde, um mit ihm zusammen eine Umsetzung zu ermöglichen – dann ist der erste kleine Sieg errungen.

 

„Hilf mir, es selbst zu tun“ war einer der wichtigsten Leitsprüche der Pädagogin Maria Montessori. Hier, bei der Begleitung belasteter Kinder in ihrem kreativen Prozess sollte er ebenfalls die oberste Maxime sein.

 

 

 

 

 

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