Imagination

Das Panorama der Imagination

 

Imagination ist die älteste Heilmethode der Menschheit. Früh schon haben Menschen entdeckt, dass unsere Vorstellungskraft ein machtvolles Instrument ist.

Das hat nichts mit Magie zu tun, und auch nichts mit „positivem Denken“, wie wir das heute nennen, sondern damit, dass unsere inneren Bilder eine entscheidende Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft bilden und in beide Zeitrichtungen hineinwirken.

Das bedeutet konkret: ich sehe mich in meinen inneren Bildern so, wie ich mich in der Vergangenheit erlebt habe und: ich sehe mich in der Zukunft so, wie ich mir vorstelle, dass ich sein werde, und beides bedingt sich gegenseitig.

Das bedeutet aber auch, dass wir jeden Tag, im Grunde ohne Unterlass, „imaginieren“. Innere Bilder vergangener Situationen bilden den Pool, aus dem ich mein aktuelles Selbstbild schöpfe, und innere Bilder zukünftiger Situationen erzeugen das Klima, in dem ich lebe (bin ich zuversichtlich? Ängstlich? Hoffnungslos? In freudiger Erwartung?)

Imagination ist der Stoff, aus dem unsere Gefühle gemacht sind, und  so fremd sie uns auch erscheinen mag, wenn wir von ihr hören, so altvertraut und selbstverständlich ist sie uns, ohne dass wir uns dessen bewusst wären.

 

 

Imagination als therapeutische Methode

 

Die bisherigen Ausführungen machen deutlich, warum die Arbeit mit inneren Bildern eine so wirkunsvolle therapeutische Methode darstellen kann.

Jede vergangene Beziehung, jede prägende Situation lebt in Form von inneren Bildern in uns fort. Und diese Inneren Bilder sind natürlich keineswegs objektive Bestandsaufnahmen, sondern getränkt von unserem subjektiven Erleben und unserer (damaligen und jetzigen) Situation. Und dieses subjektive Erleben bewertet die Situation und ordnet sie entsprechend ein in unseren inneren Kosmos, wo sie dann künftig Einfluss nimmt auf unsere Erwartungshaltung dem Leben gegenüber.

 

Besonders deutlich wird dieser Vorgang bei traumatischen Erlebnissen, die sich ja dadurch auszeichnen, dass sie Raum und Zeit sozusagen einfrieren und so die traumatische Situation als ewig gegenwärtige Bedrohung konservieren – unter anderem in Form von inneren Bildern, die das Bewusstsein überschwemmen (sogenannte Intrusionen).

In einem solchen Fall ist es leicht nachvollziehbar, dass eine Situation, die für mich zu bedrohlich und überwältigend war, um sie angemessen verarbeiten zu können, als inneres Bild einer Situation (und der von mir erlebten „Unfähigkeit“) in mir weiterlebt und mein weiteres Leben prägt.

 

Doch in weniger dramatischer Form findet ein entsprechender Vorgang auch bei Situationen statt, die zwar nicht traumatisch, aber bedeutsam für mich waren.

Meine ganze Kindheit ist in mir in Form innerer Bilder bewahrt, und das nicht etwa, wie es uns vielleicht oft erscheint, als mehr oder weniger „neutrale“ Bestandsaufnahme, sondern durch und durch gefärbt von unserer subjektiven Wahrnehmung.

 

Im therapeutischen Kontext ist es daher sehr lohnend, diejenigen inneren Bilder aufzuspüren, die z.B. bis zum heutigen Tag für ein negatives Selbstbild sorgen. Dabei muss es sich durchaus nicht immer um einschneidende (traumatische) Bilder handeln. Vielleicht gab es da „nur“ eine herablassende Bemerkung von jemandem, der mir wichtig war, oder eine Situation, in der sich jemand über mich lustig gemacht und dabei einen ganz empfindlichen Punkt bei mir getroffen hat. Solche Erfahrungen in der Kindheit können genügen, um ein für allemal ein inneres (Selbst-)Bild zu schaffen, das gründlich Wurzeln schlägt und noch Jahrzehnte später zu sehr einschränkenden Überzeugungen führt: „ich kann nicht malen“, „ich verstehe nichts von Naturwissenschaften“, „ich bin so ungeschickt“, „ich bin so plump“, „ich bin zu schüchtern“, „ich bin langweilig“, „meine Bedürfnisse interessieren sowieso niemanden“ usw. usw.

 

So kann es in der Therapie ein absolutes Aha-Erlebnis sein, plötzlich zu „sehen“, woher so eine Überzeugung stammt, denn wie gesagt ist uns oft gar nicht bewusst, dass sie keine objektive Wahrheit darstellt (weil sie längst und völlig unhinterfragt ins Selbstbild integriert ist). Ist sie aber erst einmal „lokalisiert“ und auf eine bestimmte Situation zurückgeführt, so verliert sie oft viel von ihrer Wirkmacht, denn mit den Augen des/der Erwachsenen betrachtet kann sich diese Überzeugung relativieren. Vielleicht erkenne ich dann heute, wie unglücklich/missgünstig/neidisch oder mit Vorurteilen behaftet die Person war, die mich damals so folgenschwer beurteilt hat, oder ich kann „sehen“, dass meine vermeintliche Unfähigkeit darin begründet lag, dass ich damals ein unerfahrenes Kind und daher einfach nicht in der Lage war, die entsprechende Situation angemessen zu meistern.

 

All das sind natürlich nur Beispiele, aber ich denke, sie können den weiten Horizont aufzeigen, den die Arbeit mit inneren Bildern in der Therapie eröffnen kann.

 

Eine weniger in die Vergangenheit gerichtete Arbeit ist es demgegenüber, sich mit den inneren Bildern zu beschäftigen, die sich um unsere Erwartungen an uns und unsere Umwelt drehen. Sie bilden das Klima, in dem ich lebe. Und daneben (und eng damit verbunden) gibt es natürlich noch den ganzen inneren Kosmos, der mein Verhältnis zu mir selbst abbildet: von welchen (Selbst)bildern ist mein innerer Dialog geprägt? „Wer“ gibt dabei den Ton an? Betrachte ich mich als träges Individuum, das beständig angetrieben und ermahnt werden muss? Betrachte ich mich mit skeptischen Blicken, immer in der Erwartung, dass ich sicherlich – mal wieder – versagen werde? Spreche ich liebevoll und verständnisvoll mit mir selbst?

 

Dass die Qualität meiner inneren Bilderwelt einen maßgeblichen Einfluss darauf hat, wie ich in der Welt stehe, liegt auf der Hand.

Wenn ich ein unangenehmes Bewerbungsgespräch führen, der Wut meines Partners begegnen oder mit der Ablehnung meines pubertierenden Kindes zurecht kommen muss, ist es ein himmelweiter Unterschied, ob ich in der Lage bin, mir dabei selber liebevoll den Rücken zu stärken, oder mir in meinem inneren Dialog ständig zuflüstere, dass ich „mal wieder“ ganz unmöglich bin.

 

Neben dem Aufspüren negativer innerer Bilder gibt es natürlich auch die Suche und (Wieder-) Entdeckung der positiven. Die inneren Bilder von nährenden und unterstützenden Erfahrungen verblassen gerne neben der Wucht, die negative Bilder entfalten können. Ihnen bewusst mehr Aufmerksamkeit zu schenken, kann eine sehr heilsame Erfahrung sein.

 

Und zu guter Letzt ist es natürlich auch eine Möglichkeit, Situationen, die mich ängstigen oder beunruhigen, dadurch zu entschärfen, dass ich mich damit beschäftige mir auszumalen, wie diese Situation aussehen könnte, wenn sie mir gelingt, anstatt mich ausgiebig mit Versagens- oder Ohnmachtsgefühlen zu quälen.

Auch das hat weniger mit „positivem Denken“ im Sinne von magischer Beeinflussung zu tun, sondern mehr damit, die Verantwortung für mich und meinen Einfluss auf eine Situation zu übernehmen. Allerdings muss mir dazu erst einmal bewusst sein, dass ich über diesen Einfluss überhaupt verfüge.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Christel Klinger und Prof. Dr. Johannes Wiedemann
Impressum
Datenschutzerklärung


Weitere Links:

Imagination

Kunsttherapie mit Kindern

Über den Schmerz

Über Stress


Mehr zu Achtsamkeit und Methoden:

Achtsamkeitsübungen

Achtsamkeitstraining München

Achtsamkeitsübungen für Gruppen