Über Stress

Stresstheorie und Achtsamkeit

Stress ist definitionsgemäß die biologische Antwort auf äußere und innere Anforderungen, insbesondere auf solche, die  belastend und potentiell bedrohlich sind, bzw. als solche bewertet werden. Diese Stress-Antwort ist unspezifisch, d.h. sie läuft im Wesentlichen immer nach demselben Muster ab, unabhängig davon, welcher Art die Belastung oder Bedrohung ist und welche Art der Reaktion angemessen wäre. Die Stress-Antwort bietet lediglich die internen Voraussetzungen, um angemessen reagieren zu können.

 

Am besten versteht man sie, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Stress eine sehr alte biologische Reaktion ist, die wir mit allen höher entwickelten  Lebewesen gemeinsam haben. Die Stress-Antwort schafft die Voraussetzungen dafür, dass man in bedrohlichen Situationen angreifen oder fliehen kann (fight or flight). Außerdem reagiert der Organismus prophylaktisch auf eine mögliche Verletzung.

 

Bewertet ein Lebewesen eine Situation also als potentiell gefährlich, wird die sogenannte Stresshormonachse aktiviert.

Das bedeutet, dass im Gehirn Hormone ausgeschüttet werden, die wiederum die Produktion der Nebennierenhormone aktivieren. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Adrenalin (Nebennierenmark) und Cortison (Nebennierenrinde).

Diese beiden entfalten dann -  im Verbund mit vielen anderen Hormonen und Botenstoffen - ihre Wirkung in den verschiedenen Funktionssystemen des Körpers, um diesen in die Lage zu versetzen, mit Kampf oder Flucht zu reagieren:

 

- das Muskelsystem reagiert mit erhöhter Muskelspannung in der gesamten Skelettmuskulatur

- das Herz-Kreislaufsystem reagiert mit erhöhtem Pulsschlag, Blutdurchfluss und Blutdruck

- die Atemfrequenz wird erhöht

- das Stoffwechselsystem reagiert mit erhöhter Energiebereitstellung, z.B. durch Erhöhung des    Blutzuckerspiegels

- das Immunsystem reagiert verstärkt im Bereich der unspezifischen und vermindert im Bereich der spezifischen  Immunabwehr (Vorbereitung einer Entzündungsreaktion)

- die Blutgerinnungsfähigkeit nimmt zu

- die Emotionen Wut oder Angst werden aktiviert

- die kognitiven Funktionen wie Gedächtnis, Wahrnehmung, Beurteilung, Denken usw. werden   auf die momentane Situation fokussiert und verengt

- die Handlungsoptionen werden auf gelernte und rasch abrufbare Handlungsmuster reduziert (Autopilot)

 

Zusammengefasst kann man sagen: der Organismus schaltet in den „Stressmodus“.

Aus all dem geht hervor, dass die Stressreaktion es dem Individuum ermöglicht, auf eine zu erwartende oder bereits eingetretene bedrohliche Situation schnell und mit hohem Energieaufwand zu reagieren – in der Hoffnung, das Problem schnell und effektiv lösen, bzw. aus der Welt schaffen zu können. 

Wesentlich für die Stärke der Stressreaktion ist hier übrigens die Bewertung der Situation, die wiederum von früheren Erfahrungen abhängig ist. Solche Bewertungen laufen allerdings in der Regel vor-bewusst ab.

 

Entsprechend ist die Stressreaktion da von Vorteil, wo die Problemlage so „einfach“ strukturiert ist, dass schnelles und instinktsicheres Handeln zum Erfolg führt, damit nach Ablauf der Aktion der hohe Energieaufwand und -verbrauch durch eine Erholungsphase kompensiert werden kann.

 Häufig sind aber Problemsituationen, mit denen wir konfrontiert sind, eben nicht einfach strukturiert, sondern komplex, vielfältig vernetzt und verfügen über eine lange Vorgeschichte.

Ihre Lösung erfordert daher eher kein schnelles, instinktsicheres Handeln und auch keinen oder nur wenig körperlichen Einsatz; auch eine Verletzungsgefahr besteht nicht. Vielmehr erfordert die Lösung solcher Probleme langfristiges Planen und Handeln, eine offene und detailgenaue Wahrnehmung und Lernbereitschaft, um z.B. die innere Dynamik einer Situation erfassen, Entwicklungsprozesse beobachten und die Folgen des eigenen Handelns einschätzen zu können.

 

Außerdem ist die Fähigkeit zur Wahrnehmung und Beobachtung interner Prozesse wie körperlicher Empfindungen, seelischer Reaktionen sowie kognitiver Vorgänge von Vorteil, um das eigene Handeln zu reflektieren.

 

Die Rede ist hierbei vor allem von Situationen, die meist in irgendeiner Weise in sozialen Zusammenhängen auftauchen, wie z.B. private oder berufliche Konfliktsituationen oder Prüfungen, in denen durchaus erheblicher Zeit- und Erfolgsdruck bestehen kann. Es kann sich aber auch um eine Stresssituation handeln, in der Abwarten oder geduldiges Nichtstun die beste Lösung ist, wie z.B. in der langen Schlange an der Kasse oder im Autostau. Auch Tätigkeiten, die Geduld verlangen, weil die Situation es erfordert oder erst etwas Neues gelernt werden muss, gehören in diese Kategorie.

Manchmal gibt es aber auch Situationen, die sind deswegen nicht lösbar, weil man gerade selbst physisch oder psychisch nicht in der Lage ist, adäquat zu reagieren, weil man z.B. erschöpft oder krank ist.

Wir bezeichnen viele solcher Situationen als Stresssituationen oder kurz als „stressig“, denn wir fühlen uns unter Druck, werden ungeduldig, fühlen uns angegriffen oder gebremst, haben Angst vor Versagen oder werden wütend, usw.

 

In solchen Situationen wird auf einer tieferen Ebene des Gehirns die Stress-Antwort - wie oben beschrieben - ausgelöst, obwohl sie für ein lösungsorientiertes Handeln eher hinderlich ist. Alltagssprachlich ausgedrückt: man regt sich auf, obwohl es eher schadet als nützt.

 

Wenn aber keine einigermaßen schnelle Lösung eintritt, weil die Stressreaktion die falsche „Strategie“ war, fällt auch die Belohnung, nämlich die Erholung aus.

Die Anforderung besteht dann weiter und mit ihr auch die Stressreaktion – und aus akutem Stress wird so chronischer Stress.

 

 Die negativen Folgen von chronischem Stress liegen auf der Hand: Überlastung, Erschöpfung, Veränderung von Regelgrößen wie z.B. Blutdruck oder Muskelspannung, Schwächung des Immunsystems.

Auf der psychischen Ebene stellt sich Enttäuschung, Resignation, Ärger oder Wut ein, und auf der mental-kognitiven Ebene entsteht nach und nach eine Einschränkung der Wahrnehmungsfähigkeit und der Gedächtnisleistungen.

Entsprechend negativ sind die langfristigen Auswirkungen von chronischem Stress auf die Organ- und Funktionssysteme des Körpers und der Psyche: sie sind vielfältig und werden oft auch als „Stresskrankheiten“ bezeichnet.

Darauf hier im Einzelnen einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass ein Großteil der sogenannten „Zivilisationskrankheiten“ sehr stark von den Auswirkungen von chronischem Stress mit verursacht wird, vor allem was die in den letzten Jahren rasant zunehmenden Erkrankungen wie Depression, Burnout-Syndrom, Rückenschmerzen, Immunerkrankungen und Herz-Kreislauf-Krankheiten betrifft.

 

Welche Rolle spielt die Achtsamkeit nun in diesem Geschehen?

 

Wir haben gesehen, dass der Stressmodus spontan „eingeschaltet“ wird, sobald die internen (körperlichen, seelischen und kognitiven) Verarbeitungsprozesse zu dem Schluss gekommen sind, dass eine Situation im engeren oder weiteren Sinne als bedrohlich oder zumindest als belastend einzuschätzen ist.

Diese automatische Aktivierung differenziert nicht nach der Art der Anforderung. Zum Zweck der Differenzierung gibt es ein anderes biologisches Programm, das in Ansätzen bereits auch bei höher entwickelten Säugetieren vorhanden ist und in der Fähigkeit besteht, trotz einer möglichen Gefahr oder einer eventuell notwendigen schnellen und präzisen Reaktion „herunter zu schalten“, was bedeutet: sich nicht  zu bewegen, zu beobachten, abzuwarten, sich zu orientieren, mit allen Sinnen wahrzunehmen, Informationen zu sammeln usw..

 

Diese Reaktion wird als „Orientierungsreaktion“ bezeichnet. Sie besteht physiologisch in einem Herunterfahren von körperlicher und emotionaler Aktivierung und einem Hochfahren geistiger Aktivität im Sinne von Wachheit und Verarbeitung von Sinnesdaten.

Diese physiologische Reaktion dauert in der Regel nur wenige Sekunden, dann muss „das Bild im Kasten sein“.

 

Für uns Menschen reicht diese Zeit aber oft nicht aus, weil, wie oben dargestellt, viele unserer Lebenssituationen mehr Orientierungszeit erfordern. Eine verlängerte Orientierungsreaktion kann man auch als Achtsamkeitsreaktion oder Achtsamkeitsmodus  bezeichnen. Sie ist übrigens biologisch sehr stark an den Bereich unseres Stirnhirns (präfrontaler Cortex) gebunden, durch den sich das menschliche Gehirn ja im Wesentlichen vom Primatengehirn unterscheidet. Dieser Bereich steht für die bewusste Wahrnehmung und Interpretation von Sinnesdaten, die Emotion-Handlungskontrolle, die Denk- und Planungsfunktionen und für die so genannten Exekutivfunktionen, d.h. die Handlungsentscheidungen.

 

Diese Achtsamkeitsreaktion ist nun zwar biologisch angelegt, aber sie muss trainiert und gepflegt werden (wie viele „höhere“ Funktionen), damit sie sich gegen die instinktgebundenen Reaktionsmuster durchsetzen kann. Auf diese Weise wird sie zur Kulturtechnik.                                                                                                                                                                            

So betrachtet erscheint es ganz folgerichtig, dass eine aus dem klösterlichen Leben stammende Konzentrations- und Versenkungstechnik als die  neue Methode zur Stressbewältigung entdeckt wurde, denn das Konzept der Achtsamkeit, so wie es oben dargestellt wurde, beinhaltet eben nicht nur eine Trainingsmethode, um Stress besser aushalten zu können, sondern ermöglicht auch einen Blick auf die größeren Zusammenhänge, in denen unser Leben stattfindet: mehr Abstand zu kollektiven Zwängen, Hinwendung zu Fragen der persönlichen Entwicklung und der Sinnzusammenhänge, Rückbesinnung und innere Ruhe, um auch drängende Fragen und Probleme besser zu bewältigen.

 

Ein Kloster ist zwar ein Ort des Rückzugs, aber kein Erholungsheim, sondern ein Ort der geistigen Wachheit für seine Bewohner auf der Suche nach individueller religiöser oder spiritueller Erfüllung. In weltlichen Lebenszusammenhängen sind Meditation und andere Methoden der Achtsamkeitsschulung Wege zu mehr Ruhe, innerer Klarheit und persönlicher Entwicklung hin zu einer bewussteren und tragfähigeren Lebensgestaltung.

 

Es wäre aber falsch, die Fähigkeit zu (mehr) Achtsamkeit als Luxus einer Gesellschaft anzusehen, bei der es nicht mehr um Fragen des Überlebens geht, sondern nur noch um Lebensverfeinerung oder höhere geistige Genüsse – vielmehr ist hoffentlich klar geworden, dass Achtsamkeit als ausdifferenzierte Orientierungsreaktion einen wesentlichen evolutionären Vorteil des Menschen darstellt und deshalb sehr wohl als überlebensnotwendig angesehen werden muss. Die hochkomplexen und zum Teil durchaus bedrohlichen Lebensverhältnisse, die die Menschheit sich geschaffen hat, verlangen die Anwendung und Pflege einer achtsamen Lebensführung.

 

 

 

 

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