gelb - die Grenzüberschreitung

„Manchmal denke ich mir, wie der Himmel entstanden ist und der Tod: dadurch, dass wir unser Kostbarstes von uns fortgerückt haben, weil noch so viel anderes zu tun war vorher und weil es bei uns Beschäftigten nicht in Sicherheit war. Nun sind Zeiten darüber vergangen, und wir haben uns an Geringeres gewöhnt. Wir erkennen unser Eigentum nicht mehr und entsetzen uns vor seiner äußersten Großheit. Kann das nicht sein?“

 

Rainer Maria Rilke

 

Meine Welt

Wenn ich meine ureigenen Gedanken- und Gefühls-Formationen allmählich besser kennenlerne, weil ich sie durch achtsame Wahrnehmung „beleuchte“, wenn ich beobachte, welche Bahnen meine gefühlten und gelebten Reaktionen immer wieder abschreiten, dann stärke ich meinen Möglichkeits-Sinn.

 

Achtsamkeit entfaltet nach und nach das Panorama meiner Weltsicht und meines Erlebens vor mir. Und da das Empfinden und Denken eines jeden Menschen immer subjektiv ist, erahne ich allmählich die Kreise, die ich dabei für gewöhnlich ziehe.

 

Diese Erkenntnis bedeutet zwar noch lange nicht, dass es deshalb möglich wäre, „mal eben“ aus diesen Kreisen auszusteigen, aber sie bewirkt immerhin ein erstes Bewusstsein dafür, dass da noch eine andere Welt - jenseits meiner Welt – existiert.

 

An die immer gleichen Grenzen meiner Wahrnehmung und Reaktionsmuster zu stoßen, eröffnet die Möglichkeit, andere Erfahrungsebenen in Erwägung zu ziehen.

 

Kann mein Blick weiter werden, wenn ich begreife, wie begrenzt er bisher war? Kann ich mich öffnen für einen Raum, der über meine Begrenztheit hinausreicht?

Die Lücke

Achtsamkeit ist darauf ausgelegt, die Grenzen meiner vermeintlich festgelegten Weltsicht aufzuweichen. In der Meditation übe ich mich darin, „nicht zu bewerten“, was ja nichts anderes bedeutet, als dass ich mir meines unablässigen Wertens ein wenig bewusster werde.

 

Ich nähere mich immer wieder dem Erleben, dass es da einen Unterschied gibt zwischen reinem Erleben und meinem Erleben. Ich mache die Erfahrung, dass ich „mich“ zwar nicht einfach hinter mir lassen kann, dass es aber bereits einen großen Unterschied macht, ob ich mich automatisch und quasi im Blindflug in meinen Wahrnehmungs- und Bewertungs-Kreisen bewege, oder ob es mir gelegentlich gelingt, die berühmte „Lücke zwischen zwei Gedanken“ zu erhaschen oder die Lautstärke meiner inneren Bewertungs-Stimme ein wenig herunter zu regeln.

 

Dadurch entsteht Raum.

Erweiterung

Die Bedürfnisse, die der Beschäftigung mit Achtsamkeit und Meditation zu Grunde liegen, sind unterschiedlich. Manche Menschen sind auf der Suche nach Spiritualität, für andere spielt diese Dimension eine untergeordnete Rolle, oder sie sind „nur“ an Entspannung interessiert.

 

Uns ist es wichtig, dass in unserer Arbeit niemand aufgrund seiner diesbezüglichen Einstellung ausgeschlossen wird, und wir halten es auch nicht für notwendig, hier Vorgaben zu machen.

 

Die „Transzendenz“, die wir thematisieren, ist eine eng gefasste: nicht die Formulierung dessen, was „jenseits“ meiner gewohnten Muster erfahrbar wird, steht im Vordergrund, sondern der Raum, der sich öffnet, wenn ich meine Grenzen erkunde.

 

Pema Chödrön hat geschrieben:

 

„Sie lernen in der Meditation, sich selber lange genug aus dem Weg zu räumen, damit Ihre eigene Weisheit sich manifestieren kann.“

 

Diese Erweiterung ist es, die wir immer wieder ansteuern möchten.

 

Gelb steht für den Eintritt in unbekanntes Land, das dort aufleuchtet, wo ich meine Grenzen erkenne.

 

Farben der Achtsamkeit

Die unterschiedlichen Farben und deren Bedeutung.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Christel Klinger und Prof. Dr. Johannes Wiedemann
Impressum
Datenschutzerklärung


Weitere Links:

Imagination

Kunsttherapie mit Kindern

Über den Schmerz

Über Stress


Mehr zu Achtsamkeit und Methoden:

Achtsamkeitsübungen

Achtsamkeitstraining München

Achtsamkeitsübungen für Gruppen